Die Hysterie - Rückkehr eines verloren geglaubten Krankheitsbildes?

Die Hysterie (in Anlehnung an grc. ὑστέρα [ˈistera], dt. Uterus) galt lange Zeit als eines der ältesten bekannten psychischen Krankheitsbilder. Bereits in der Antike findet man Beschreibungen von Menschen mit einer Mischung aus psychischen und körperlichen Symptomen, welche nicht durch die aktuellen Lebensbedingungen oder potentielle Bedrohungen zu erklären seien.

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Blick auf die Hysterie jedoch zunehmend durch ein immer einseitigeres, geschlechts­diskriminierendes Krankheitskonzept verschoben - mit einem unerhörlichen Sammelsurium an abstrusesten Behandlungsversuchen.

Aufgrund dieser Verschiebung war es gut nachvollziehbar, dass sich die “aufgeklärte” Gesellschaft Ende des 20. Jahrhunderts von diesem Begriff abwandt und stattdessen den Fokus auf andere Krankheitsbilder, wie z.B. die Dissoziativen Störungen, die Histrionische Persönlichkeitsstörung oder die Hypochondrische Störung, legte.

Was dabei jedoch verloren ging, war - neben allen psychischen “Diagnosen” und Krankheitsbegriffen - das Konzept der Hysterie als Gefühlsregung: Als Emotion, verbunden mit ihr eigenen Kognitionen und Verhaltensmustern.

Aktuell erlebt die Hysterie in Zeiten des “neuen” Corona-Virus gerade eine Renaissance - und dies ist gar nicht so verwunderlich, denn Juliett Mitchell schrieb dazu bereits im Jahr 2000:

Reclaiming Hysteria

“It has been fashionable in the twentieth-century West to argue that hysteria has disappeared. To my mind, this is nonsensical - it is like saying love or hate have vanished. There can be no question that hysteria exists (...)” (vgl. Mitchell 2000)

Dass dieses Zitat auch aus dem Jahr 2020 kommen könnte zeigt, wie allgengewärtig die Hysterie doch immer noch ist und war.

Hysterie im Zeitalter von Corona-Virus und Twitter

Da sich die Hysterie - oder wie immer man dieses Phänomen in Zukunft auch geschlechts­neutraler benennen möchte - trotz aller Aufklärung bereits seit einigen Jahren wieder in der Menschheit einen immer breiteren Platz sucht (und dies nicht nur in Bezug auf das “neue” Corona-Virus sondern auch in den verschiedensten sozialen und politischen Themen), erscheint die Notwendigkeit einer erneuten psychologischen Evaluation dieses Phänomens durchaus angebracht.

Mad Men and Medusas - Reclaiming Hysteria

Denn nicht die Hysterie selber, sondern ihre jeweiligen persönlichen und sozialen Auswirkungen haben sich in der Vergangenheit immer wieder als deutliche Bedrohung für einzelne Menschen sowie für die Menschlichkeit erwiesen.

Da wir an dieser Stelle nicht noch mehr bereits gesagte oder geschriebene Dinge wiederholen möchten, empfehlen wir allen, die sich mehr mit dem Phänomen der Hysterie auseinandersetzen wollen, das bereits oben zitierte Werk von J. Mitchell: “Mad Men and Medusas - Reclaiming Hysteria and the Effects of Sibling Relations on the Human Condition”.

Hysterie ist keine übersteigerte Angst

Gerade für sehr besorgte Menschen oder Patientinnen und Patienten mit Angsterkrankungen oder Zwangsstörungen kann die Differenzierung zwischen einem hilfreichen Respekt, einer überhöhten Angst und einer Hysterie schwierig sein. Dabei erleben wir aber in unserer täglichen Praxis etwas Bemerkenswertes: Viele unserer Patientinnen und Patienten mit Zwängen oder Ängsten - die von sich selbst sagen würden, dass sie sehr intensiv auf antizipierte Gesundheitsrisiken reagieren - zeigen aktuell in Bezug auf COVID-19 einen erstaunlich gut differenzierten Umgang mit der Thematik.

Dies kann einerseits dadurch bedingt sein, dass sie durch ihre bisherige therapeutische Arbeit bereits eine gewisse Resilienz gegenüber der Hysterie aufgebaut haben. Und andererseits ist auch dies wieder ein Hinweis auf die Subjektivität der Angst- und Hysteriegefühle und deren vielfältige Ursachen neben den scheinbar sachlichen Begründungen (Weiterlesen: Die Ursachen des Reinigungszwangs).

Darüber hinaus bleibt es wichtig, Angst und Hysterie nicht als gleich zu setzen oder etwas als Abstufungen des selben Phänomens zu betrachten. Wie schon die verschiedensten Autoren beschrieben haben, handelt es sich vielmehr um Entitäten mit zum Teil sogar gegensätzlichen Eigenschaften. So verwies zum Beispel Eysenck auf die deutlichen Unterschiede zwischen den beiden unter anderem in Bezug auf den Grad an Intro- und Extroversion der Betroffenen (vgl. Eysenck 1955).

Eine weitere Differenzierung, die nicht übersehen werden darf, ist diejenige zwischen Emotionen (und ihren begleitenden Kognitionen und Verhaltensmustern) und Krankheitsbildern bzw. psychischen Störungen. So wie auch zwischen Ängsten und Angststörungen Unterschiede bestehen, so sind auch die Hysterie und die Histrionische Persönlichkeitsstörung oder die Dissoziativen Störungen nicht identisch.

Insofern können wir auch die eingangs gestellte Frage eindeutig beantworten: Nein, die aktuelle Hysterie ist nicht die Rückkehr eines Krankheitsbildes - sondern das Aufleben einer all zu menschlichen Gefühlsregung, deren Auswirkungen zum Teil deutlich unterschätzt worden sind und immer noch werden.

Hysterie oder Risikovorsorge?

Und um abschließend eins nicht zu vergessen: Für diejenigen, die weiterhin ausgeprägte Probleme bezüglich der Einschätzung der eigenen Hygiene und Risikovorsorge haben, kann es hilfreich sein, sich - statt lange im Internet zu googeln und der Hysterie weiteren Vorsprung zu geben - an diesbezüglich fachlich kompetente Quellen zu halten, wie zum Beispiel an das Robert Koch Institut (Weiterlesen: RKI: Häufig gestellte Fragen zum Coronavirus SARS-CoV-2) oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Weiterlesen: BZgA: Hygienetipps).

Autoren des Artikels: